AUS DEM STROM
(von Dr. Emmanuel Mir, 2014)

Der Strom ist gewunden und unstetig, er fließt durch alle Gebiete, durch alle Gezeiten und reißt weg, was keinen Widerstand leistet. Im Strom treiben Gegenstände, Bilder und Begriffe, die durch Tausende von Wandlungen gegangen sind. Manche stranden vor unseren Füßen. Wir nehmen sie dann in die Hand und betrachten sie, als ob sie Boten einer anderen Welt wären. Wir glauben, etwas Authentisches, Ursprüngliches und Wahres in der Hand zu halten, und übersehen dabei die unzähligen Wandlungen dieser Dinge. Der Strom der Ideen und Motive hinterlässt ein reichhaltiges, heterogenes und etwas bizarres Material, das Katharina Maderthaner als Basis ihrer Arbeit nimmt.
Die Bildhauerin füllt ihre Installationen, Bilder und Objekte mit Referenzen, die selbst Referenzen von Referenzen sind. Eine lange Genealogie des Geschmacks öffnet sich dem Betrachter dieser Kunst. So bezieht sich die echte Pflanze von Interkontinental auf alle Kunststoffpflanzen, die man in muffigen und auf freundlich getrimmten Behörden vorfindet, die sich selbst auf gezüchtete Echtpflanzen beziehen, die wiederum ihren Bezug zum Naturreich haben. Im zirkulären Fluss verliert man irgendwann die Quelle aus den Augen.
Die Tischmuster von Ritmi Latini verweisen ihrerseits auf grafische Selbstversuche, die Photoshop-Neophyten zur Ankündigung eines privaten Flohmarktes oder zur Gestaltung der Speisekarte eines Imbiss mit italienisch-indischen Spezialitäten hätten zusammenschustern können, oder auf Avantgarde-Stoffdesign oder auf Neo-Retro-Tapeten oder auf Volkskunst. Es entsteht ein unbehagliches Déjà-vu, irgendwo zwischen Alltagsbewältigung und Geniephantasma, Meisterwerk und Massenproduktion, Design und Desaster.
Die Werke von Maderthaner, ob zwei- oder dreidimensional, entwickeln sich nach einer Zweitakt-Logik: erst synthetisieren, dann sublimieren. Formen, Texturen, Muster und Oberflächen, die die Künstlerin in ihrer Umwelt vorfindet, werden zunächst reduziert, verdichtet und eingekocht bis zum Mark. Baumärkte, Kleingartensiedlungen, selbstgebastelte Internetseiten und laienhaft gestaltete Flyer sind unter anderem ihre Inspirationsquellen. Dieser visuelle Zierrat wird in einer zweiten Phase mit Elementen der minimalistischen Skulptur oder der abstrakten Grafik angereichert – wobei es sich eher um Codes von Codes des Minimalismus handelt – und erfährt eine erneute Verfremdung.
Jenseits aller dekonstruktivistischen Ansprüche oder postmodernen Attitüden stehen Maderthaners Werke ernsthaft und autonom da, mit einer irritierenden Selbstverständlichkeit.
Diese wohldosierte Too-Much-Ästhetik bringt den Betrachter an seine Grenzen. Gut gemeint– vielleicht gar gut gemacht? Wo sind bitte schön die Wächter des Schönen, Wahren und Guten? Wo steckt die Geschmackspolizei? In einer Welt, in der die Instrumente der Gestaltung, Individualisierung und Verhübschung sich demokratisiert haben, in einer Welt der universellen Selbstfindungspflicht, des hysterischen Expressivitätsdrucks, der Hobbytheken, der Kunstcamps und der Kreativworkshops, in einer Welt, in der jeder Mensch ein Künstler und unser Dorf schöner werden soll, wäre doch eine moralisch-ästhetische Instanz vonnöten. Aber Katharina Maderthaner weigert sich, daran zu denken. Ihre schelmische Haltung ist frei von gesellschaftskritischem Impetus oder von besserwisserischer Ironie. „Ornament ist ein Versprechen“, meinte die Künstlerin einst. Und das meinte sie ernst. Aber – Moment, war da nicht doch ein Augenzwinkern?
Der Strom ist gewunden und unstetig, aber der Strom ist zirkulär. Irgendwann kehrt er genau an die Stelle zurück, wo er früher schon pulsierte. Katharina Maderthaner steht am Strand und bückt sich. Sie hat eine Oberflächenstruktur in Schwarzweiß gefunden. Das war mal feinster Marmor für einen Fürstenpalast, dann wurde es Stuckmarmor für ein bürgerliches Interieur und nun ist es ein Druck auf preisgünstiger Folie für die Theke eines Sonnenstudios. Sie lächelt verschmitzt und fügt das Stück zu ihrer Sammlung hinzu.